Verlotterung der Hingabe

von Ben

Die nächsten Zeilen mögen so manchem vielleicht das Salz in die Marmelade ihres aufgebackenen Brötchens des wohlfeinen Videospielkonsums reiben, jedoch möchte ich mir nicht die Tinte nehmen lassen, um zumindest mit Fragezeichen ein paar Kleckse eines Gegenentwurfes zur allgemeinen Freude über schnell verfügbare Lustspiele auf der Mattscheibe zu klecksen.inspi_steam1

Der Messias ist da. Doch damit ist nicht der König der Juden gemeint, sondern ein viel wirtschaftlicheres Wesen, das Nutzer verlockt, ihr Kreuz hinter jedem Honigtopf zu setzen, der verlockend mit Niedrigpreis und spielerischem Mehrwert in den digitalen Regalen steht. Gemeint ist das Weseinspi_steam2n Steam, eine Plattform, die marktführend die Drehtür der Entwicklung von analog zu digitalem Datenträger darstellt. Zunächst schleichend, doch seit einiger Zeit stark wachsend stellen solche Vertriebsplattformen für deren Nutzer einen neuzeitlichen Basar der Videospiele dar, reihen sich demnach in das Arsenal der Messerklingen ein, die im Rücken der althergebrachten Möglichkeiten stecken, mediale Angebote zu ergattern. Der Untergang der Videotheken wird bereits selbst vom Singsang-faulstem Spatz vom Industriedach gehustet. Ein speckiger alter Hut. Der Verleih von VHS, entschuldigt, DVD, pardon, BluRay ist schon längst on Demand und nicht off the Couch. Statt muffigem Regalgeruch, abgegriffenen Verleihschachteln und einer kinderfreundlichen Dauerschleife von Shrek auf dem günstig geschossenem LCD gibt es nun zwischen dem aktuellen und nächsten Bier ein Tastendruck auf das nächste Thumbnail im Kaleidoskop online verfügbarer Lichtspiele. Mal reinschauen und dann doch wegschalten, bis sich die Wünschelrute in unseren Händen gar zittrig über dem nächsten Überfluss an Serienkonsum ergibt.

Auch im Videospielbereich bläht sich die Fettleber ob diesem Übermaß an Angebot auf. Steam schießt die gebratenen Tauben mit Trommelfeuer in die Münder derer, die sich längst ergeben haben und mit angetrockneten Lefzen alles mitnehmen, das keinen Brandfleck auf dem nächsten Kontoauszug hinterlässt. Der Messias lädt demnach zum Bankett des Messitums. Eigentlich keine unangenehme Entwicklung, da wir alle nach dem zehren, was das Herz hüpfen lässt, jedoch hinterlässt nun mal diese Adipositas verengende Rückstände in den Arterien, die die alte Pumpe mit Euphorie versorgen. Das Prinzip des Looten auf fiktiver Ebene überträgt sich demnach auf unseren Konsum von Videospielen. War es vor Steam und Co. noch wichtig, sämtliche journalistische Einschätzungen bezüglich der Tauglichkeit eines Spiels mit dem Schleppnetz einzufangen, so wagt man sich nun mit unbesonnenem Kopfsprung in den trüben Tümpel des Angebots. Kost ja nix. Tut ja nicht weh.

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Verloren geht damit die Wertschätzung am eigentlichen Produkt. Der spitze Stock des aufgeladenen Haufens an Aufgaben und Abenteuern im Rücken lässt uns aufgehetzt durch die Korridore eines Games sprinten. Ein leichter wertschätzender Moment in der lateralen Wahrnehmung, jedoch mehr den Notausgang auf die Netzhaut gebannt. In der Peepshow von dem, was uns Steam bietet, bleibt nicht viel Zeit, die Schönheit in voller Gänze zu erleben, sondern vor Ablauf der Eieruhr möglichst effektiv zum Schuss zu kommen. Doch genau das ist es doch, was am Lagerfeuer die Herzen und Geschichten nährt: Gefühle und Erinnerungen, die durch die Entschleunigung unseres Konsums erblühten. Scheiß auf Daisy/Peach, Hurra auf stundenlangen Ärger mit Fallgruben und Schildkröten. In einer Zeit, in der die nächste spielbare Fiktion am Horizont nebulös und ungreifbar war, verschlang man mit großer Kelle selbst die dünnste Suppe. Und wurde dadurch satter, als am All you can eat Buffet der aktuellen Schleuderpreise. Einfach schön statt Pile of shame.

Ich weiß nicht wie es Euch geht, aber ich erinnere mich vor allem an die Abenteuer, von denen ich nicht wußte, wann sie abgelöst werden.

Das innere Kind auf der stummen Treppe

von Ben

(Warnung: Die nachfolgenden Zeilen liefern keine Pointe, Argumente oder sonstigen Erkenntnisse. Es handelt sich lediglich um ein paar Gedanken.)

Sag mir wo der Spieltrieb ist, wo ist er geblieben? Diese Frage stellt sich mir schon seit längerem. Das einst so euphorische innere Kind in mir sitzt auf der stillen Treppe und erinnert sich nur noch vage an die Zeiten, in denen sich hinter jedem digitalen Stein eine wunderbare Welt zum darin verlieren verbarg. In der Sturm und Drang-Phase meiner Erkundung von spielerischer Fiktion war es fast unvorstellbar, dass diese Reise irgendwann mal ermüdet. Ich hab es nie verstanden, dass bei vielen Menschen ein inneres Ablaufdatum für den fast schon naiven baggySpieltrieb existiert. Gut, zugegeben war meine Vorstellung von meinem zukünftigen, älteren Ich immer etwas nebulös und unausgereift. Als wir mit 14 Jahren die Hosen nicht tiefer hängen konnten und mit dem Schritt zwischen den Knien die Leiter unserer Entwicklung erklommen, war uns klar: wenn ich später ins Büro gehe, dann doch sicherlich mit einem ähnlichen Outfit. Die Adoleszenz verdirbt mir nicht den Geschmack der Revolution gegen die Anpassung. Mit weitem Hoodie und noch weiteren Jeans verdiene ich mir mein täglich Brot. Diese angenommene Unsterblichkeit der Jugend und damit verbundenen Konservierung dessen, was neu und aufregend ist, hat sich jedoch nicht nur bei der Frage nach der Kleidungswahl gezeigt. Auch das Videospielen musste sich dieser Auffassung unterwerfen. Was heute mit Leidenschaft und Freude verbunden ist, kann übermorgen doch nicht schal werden. In implizierten Einmachgläsern der kindlichen Freude bewahren wir uns die Steckenpferde der Jugend. Was wir ablehnen, spießig und uninteressant finden, das wird auch noch in ferner Zeit die Abscheu auf das Gesicht zaubern.

Nun sind die Jahre vergangen. Die Hosen hängen nicht mehr komplett auf Halbmast. Man ertappt sich dabei, wie man im Baumarkt in der Gartenabteilung fast schon mit rasender Leidenschaft feststellt: Oha, die Kräuter hier sind doch sehr erschwinglich. Mit einem Gewürzgarten könnte ich viel Freude haben. Die Rapvideos auf VHS weichen den archivierten Kochsendungen auf youtube und auf die Frage, ob man heute mal wieder etwas zocken will, wird nur ein müdes „Lass mal was anderes machen“ erwiedert. Schon längst verdunkelt das Rollo nicht mehr den Raum, die Sonne wirft ein neues Licht auf die Dinge. Doch woran liegt es, dass jugendliche Konserven doch irgendwann nicht mehr genießbar sind? Vielleicht hat man einfach schon zu viel gesehen. Vielleicht ist man müde. Vielleicht haben wir ein Luxusproblem mit einer Flut an Optionen.

Als ich vor vielen Jahren zum ersten Mal meine XBox360 startete, war ich begeistert. Statt direkt ins Spiel zu starten, wie es bei den Vorgängern in meinem Kabinett der digitalen Unterhaltung der Fall gewesen ist, befand man sich auf einem Dashboard. Einer Schaltzentrale der Konsole. Das Gerät konnte online gehen unddashboard ich zog mir massenhaft Demos, obwohl sie mich teilweise nicht interessierten. Davor konnte nur ein abonniertes Spielemagazin diese Exploration liefern, jetzt war ich Chef meines eigenen Konsums. Ein glorreiche Zeit des Zockens startete mit diesem Tag und fast wöchentlich entdeckte man neue, aufregende Welten, die das Rollo und damit das Aussperren der analogen Einöde vor dem Fenster notwendig machte. Wir spielten nicht, wir zehrten die Welt und deren Fiktion aus. Immer neue, kleinere Revolutionen der Videospielgeschichte schrieben unsere Anekdoten des Zockens und noch heute können wir diese gemeinsamen Erinnerungen fast nostalgisch mit Anderen teilen. Natürlich wurden die ersten Seiten dieser Erzählungen bereits vor der 360 verfasst. psychomantisWir erinnern in einer kollektiven Freude an Kämpfe, Niederlagen und kindliche Freude. Wir teilen die Faszination eines Duells gegen Psycho Mantis, die Erweiterung des Horizonts von Grand Theft Auto in die dritte Dimension und Unbehagen in Rapture. Doch diese Geschichten sind Erinnerungen, kein Zustand der Gegenwart. Die einstige Euphorie ist damit nur noch in den hinteren Ecken unserer Vergangenheit zu finden. Videospiele sind alltäglich geworden.

Und damit kennt man die Variable. Die Formel und Mechanismen der Entführung in eine Geschichte haben sich fest eingebrannt und überraschen nicht, wenn man die nächste Seite aufschlägt. Alles ist irgendwie schon mal gewesen und fesselt nicht mehr an den Bildschirm, wie noch in vergangenen Tagen. Und so stellt sich die Frage nach der Schuld. Altert der Spieltrieb oder liefern uns Games nur noch aufgewärmte Brühe? Das lässt sich hier nicht so schnell beantworten. Fest steht nur, dass ich eine Sättigung festgestellt habe, die doch etwas bestürzt.

Denn am Ende ist die Vorstellung meines jüngeren Ichs davon, was mal sein könnte, trotz der grenzenlosen Naivität doch irgendwie romantisch…