Hinter dem Vorhang von Alltagsklängen

von Ben

Das Kuriositätenkabinett ist längst keine Attraktion mehr, die mit einem größerem Aufwand besucht werden muss. Genau wie beim Möbelkauf muss man nicht mehr an den Arsch der Welt fahren, um die Exotik eines Freigeistes zu bestaunen, sondern öffnet einfach nur den Browser. Besonderheiten werden quasi im Sekundentakt angeschwemmt. Daher werden viele von Euch die Marble Music Machine der schwedischen Band Wintergatan bereits kennen und sich ebenso kindlich darüber gefreut haben, wie der Autor dieser Inspiration.

Dass findige Musiktüftler mit dem nötigen Wissen und dem ingenieurstechnischen Basteldrang gern Klangkästen verschiedener Art bauen, ist dabei jedoch nichts Neues. Schon immer sah man bei dem ein oder anderen etwas Eigenes im Schuppen stehen, das man selbst nicht erklären konnte oder zumindInspi_Monomeest nur mit einer halbgaren Ahnung in die vorgefertigten Schemata seines eignen Verständnisses von Instrumenten einordnete. So auch der Monome Controller, mit dem unter anderen Deadelus oder Flying Lotus Liveauftritte spielen, was eine Art von minimalistisch designetem Touchcontroller darstellt und vollkommen unorthodox wirkt. Doch mit jeder unerklärlichen Kuriosität, die das Internet unserem Auge zur Verfügung stellt, kommt auch die helfende Hand, die den Vorhang zurückzieht oder zumindest offenbart, wie der Kartentrick funktioniert.

So gibt es auch der ulkigen Murmelmaschine ein Aufklärungsvideo, das uns zeigt, wie aus Holz, Metall, Filz und anderem alltäglichem Stoff eine Melodie erklingen kann, indem man nur ein paar 1000 Handgriffe tätigt. Die Jungs von Wintergatan erklären in ihrem zweiteiligen Video relativ detailliert, wie der findige Liedermacher jeden Bestandteil eines Songs im Klangkorpus zu einem funktionierenden Gesamteindruck kombinieren kann. Was beim simplen Betrachten des Liedes bizarr und fast schon gefälscht wirkt, ergibt sich dabei jedoch über die Magie von Kontaktmikrofonen, die über die Schwingung des Trägers, auf dem sie montiert wurden, statt den Schwingungen von Klangereignissen in der Luft, stimuliert werden. Der Vorteil dabei ist, dass die Klangeigenschaft von Material dabei ausgenutzt wird, nicht jedoch das hörbare Ergebnis, das sich über den Raum bzw. die Luft an unser Ohr trägt. Damit taucht der Hörer in eine Welt ab, die ihm normalerweise im Stillen verborgen bleibt. Ein einfacher Schlag auf eine Filzmatte stellt sich somit zum Beispiel als Drumsample dar.

Was uns beim Mikrofonieren schon immer auffiel, zeigt sich hierbei in einer weitaus intensiveren Form, im Video dargestellt als Vergleich zwischen Raumklang und dem abgegriffenen Mikrofonsignal. Technik hilft uns, Töne in einem ganz anderen Kontext als dem Alltag wahrzunehmen und damit kreativ nutzen zu können. Die Musikmaschine der schwedischen Künstler ist damit ein weiteres Beispiel, wie wundervoll Sounddesign sein kann. Fernab von traditionellen Richtlinien der Audiotechnik zeigt sich in dieser speziellen Nische, wie man mit den verschiedensten Hilfsmittel, die in erster Linie kein musikalisches Potential beherbergen, dennoch eine bunte Welt der Klänge und damit Emotionen und Wirkungen schaffen kann. Die besondere Abgriff über Kontaktmikrofone ist dabei jedoch nur eine Art, dies zu erzeugen. Auch die „handelsübliche“ Mikrofonierung von Dingen (entschuldigt, besser konnte ich es nicht beschreiben), lässt uns hinter die Kulisse von dem hören, was wir als gegeben und ordinär abgestempelt haben. Und wenn man gar keine Technik nutzen möchte, so braucht es nur handwerkliches Geschick und ein Verständnis davon, wie Materialklang verfremdet werden kann, um sich Sound selbst zu bauen, wie das Waterphone von Richard Waters effektvoll unter Beweis stellt.

Hier geht’s AB!

von Martin

die Zeichenverknappung, die das Internet offensichtlich fest im Griff hat #trendy ist jetzt endlich auch auf der Tastatur angekommen, denn für das heutige Inspirationsvideo müssen wir tatsächlich nur zwei Finger krumm machen. Interaktivität ist cool, das wissen wir bei Reis+ ja schon lange, deshalb hat es mir dieses Projekt besonders angetan.
Die Band AB Syndrom lässt uns in ihrem aktuellen Musikvideo Hologramm nach Belieben zwischen den beiden Protagonisten hin- und herschalten. Dabei können wir beobachten wie die beiden sich raufen, schubsen, zerren, schlagen – beide zusammen, jeder für sich. Ein bisschen wirr, das stimmt und deshalb gibt’s das Making-Of heute mal vor der Hauptspeise:

Hm. So viel Interaktion hab ich da jetzt nicht gesehen, aber Hey! immerhin bin ich jetzt schon voll gehyped auf das was kommt. Also Leute nach dem Adleraugen-Suchprinzip schnell die A und B Taste auf der Tastatur ausfindig machen und die Finger in Position bringen. Dann: Feuer frei!

 

Ps: Nächste Woche gibt’s schon unsere 50. Inspiration liebe Freunde! Wahnsinn! Unsere schicke Galerie wächst und wächst immer weiter. Ob wir da was besonderes vorhaben? Ich weiß ja nicht… ;-)

Wo man sich trifft, um übers Hören zu reden…

von Ben

Audiointeressierte kennen es – der Kosmos der Klangbearbeitung ist sehr komplex. Der Weg von der Quelle bis hin zur fertigen Mischung, wenn nicht gar dem bestmöglichen Master besteht in seinen Einzelteilen aus sehr vielen sensiblen Schritten, die nicht leicht zu verstehen sind. Audio ist etwas für Fetischisten. Eine sehr bizarre Zuneigung, die für „Außenstehende“ oft nur unverständlich daherkommt. Das liegt daran, dass der perfekte Ton, der schöne Mix oder beeindruckende Filmsounds erst dann auffallen, wenn sie misslingen. Dass im Produktions- sowie Postproduktionsprozess bis dahin viel Expertise und Know-How verlangt wird, um die unsichtbare Schönheit zu erreichen, ist nicht immer klar. Und ebenso herausfordernd.

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Graham Cochrane

Damit angehende Audioingenieure zu einem Ergebnis gelangen, das nicht nur ihren, sondern auch den Ohren der Anderen schmeichelt, muss sehr viel Theorie gewälzt werden. (ACHTUNG: kontroverse Aussage:) Schlechte Kameraarbeit kann ab und zu als „Look“ verkauft werden. Eine hässliche Gitarre jedoch bleibt eine hässliche Gitarre. Doch woher das Wissen nehmen, um diese Schönheit zu mixen? Kopieren und Nachahmen ist daher das Mittel der ersten Wahl, wenn Ihr mich fragt. Eine Möglichkeit dazu bieten verschiedene  Youtube-Plattformen, die vor allem Einsteigern Tipps und Tricks um Umgang mit den Basics geben (z.B. The Recording Revolution von Graham Cochrane, wobei hier auch bereits vertiefende Tipps gegeben werden). Jedoch erkennt man nach einiger Zeit, dass diese nur begrenzt dabei helfen, den Umgang mit Ton und Klang auf die nächste Ebene zu heben.

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Dave Pensado

Ein Schub bietet dabei jedoch Dave Pensado. Der amerikanische Audioingenieur ist bereits seit 1970 tätig und hat u.a. Preise für seine Mischung von Mary J. Bliges Growing Pains gewonnen. Wichtiger jedoch als seine Person ist sein gefestigtes Netzwerk innerhalb der Audiobranche. In seiner Show Pensado’s Place, in der er wöchentlich interessante Themen (Effekte, Plug-Ins, Techniken, Philosophien, Hardware etc…)  der Klangtüftlerszene bespricht, sowie Gäste lädt, die mit ihrem Wissen über den besten Mix dem Zuschauer einen tollen Fundus an Inspiration und Wissen liefern.

Wer irgendwann mal wissen will, was eine Sidechain ist oder wie man mit einem Kompressor umgeht und tiefer in die Audiofetischszene einsteigen will, dem ist dieser Youtube-Kanal sehr zu empfehlen.

Spoti-frei von Hingabe. Wie einfach doch manchmal scheiße sein kann

von Ben

Das Leben ist easy – right? Medienkonsum ist mittlerweile piece of cake, manche würden gar child’s play sagen. Pick your poison im Handumdrehen, wenn man bedenkt, wie umfangreich das Angebot an Ablenkung ist. Komplett fern von jeglicher Linie kehren wir dem Analogen den Rücken zu and give a crap. Egal was zum Konsumieren angeboten wird – läuft bei uns. Doch jetzt mal die Implantate auf den Tisch: ist das wirklich so großartig?

Konsum heißt Reflektion und der Spiegel der inneren Einsicht blendet immer dann, wenn wir mal genauer hinschauen. Doch Hinschauen weicht dem lateralen Augenaufschlag. Zu viele Augenblicke, zu wenig Gedanken – Adam und Eva haben sich nach dem ersten Dislike der Menschheitsgeschichte genug Ignoranz antrainiert, um die Lichter und Pornoheftchen auf dem Boulevard unserer Aufmerksamkeit auszublenden. Nicht Tinder, nein Filter ist die neue Zuwendung unserer Generation(EN).
So kommt es nicht von ungefähr, dass wir den Müßiggang der ‚Leidenschaft‘ ausblenden, um uns an der Erektion der ‚Schaft‘ zu erfreuen. Das Internet hat lang genug zugeschaut, wie wir uns anstellen, um am Ende den Brokkoliflieger gekapert und punktgenau im Schlund unserer medialen Gier zu landen. Ein Räuspern später und Husten – wir sind bequem! Es fehlt der Wilson, um uns zu retten. Broadcast away halt.

Als Napster noch cool war, weil man mit Skimaske und Kapuze G-to-G geshared hat, lud ich meinen ersten Song im Netz herunter: M.O.P. mit Cold as Ice. Über zwei Lautsprecher ohne den unteren Frequenzbereich der menschlichen Hörkurve schrien mich zwei Herren mit szenetypischen Kraftausdrücken an und ich fühlte mich wie der König des Internets. Mit genug Bandbreite ausgestattet, um nach einer Stunde und einem singenden 56k-Modem das akustische Brot vom Tisch derer zu downloaden, die selbst nix (zu tun) hatten. I robbed them Hood pretty good. Doch im Rausch dieser digitalen Taschengreiferei wurde man gierig und bis heute lagern noch viele Alben auf einer ebenso musikalisch ratternden Festplatte als Relikt meiner Sammelsucht. Ich war der Indoor Jones.

Verloren ging auf diesem Streifzug die eigentliche Liebe zum Produkt. Stand man noch stundenlang im Plattenladen und griff alles, was ein interessantes Cover oder einen vielversprechendes Feature hatte, um am Ende und zehn Euro leichter mit einer Neuentdeckung auf knisterndem Vinyl stolz wie Bolle nach Hause zu hüpfen, guckte man nicht mal ein Jahr später in den Ordner von Vinylking12_ftw und klickte gähnend auf alles, was einem Unterstrich mit rare folgte. Undergelaunt.

Heutzutage juckt illegal nicht mehr im Hoden. Wenn jemand eine Staffelbox bestellt, wird er gar verlacht, da die Kumpels bereits die nächste im Netz verfolgt und getrollt haben. Und so hört man Musik auch nur noch legal kostenfrei. Der Vinylking hat mittlerweile einen Führerschein und eine Spotify-Playlist, postet über Instagram Selfis von sich mit überproportionalem Cap, weil man das trägt, wenn man via Rechtsklick Mixtapes zusammenstellt. Und genau on the Spot stellen sich Inspirationen zusammen. Du kennst nur diesen Künstler? Hier, das könnte dir gefallen! Und leider funktioniert das auch sehr gut. Keine Plastiktüten und Hüpfen mehr auf dem Heimweg. Während man sich über die Scheibe wundert, die der Plattenladenbesitzer auflegt, haben die Könige des Vinyls unserer Zeit bereits online ausreichend viel neuen Sound gefunden, um Gesprächsstoff auf Tinder zu liefern. Was am Ende auf der Strecke bleibt, ist die Zuneigung zur Auseinandersetzung mit dem Produkt. Ein Klick ist manchmal weiter entfernt, als ein Nachmittag voller Musik. Kritiker mögen zwar meinen, dass solche Aussagen nicht befriedigen – halt hängengeblieben. Dennoch sollten wir uns nicht immer alles erleichtern lassen, da Steine im Schuh uns eventuell mehr über den Weg sagen, als der Verlauf im Internet.
Und das kann nicht schlecht sein.